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6. Januar - Eduard Bernstein
„Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts“ Das fällt einem ein, wenn von Eduard Bernstein die Redeist. Aber kann man ihn darauf reduzieren?
Eduard Bernstein wurde am 6. Januar 1850 in Schöneberg, bei Berlin geboren, am 18. Dezember 1932 verstarb er, ebenfalls in Schöneberg, zu dieser Zeit schon zu Berlin gehörend. Sein Vater war Lokomotivführer, seine Eltern gehörten der jüdischen Reformgemeinde an. Bernstein besuchte ein Gymnasium, was er aber wegen Geldmangels vorzeitig beenden musste. Er arbeitete einige Zeit als Bankkaufmann.
Einige wichtige Stationen seines politischen Wirkens waren: Anschluss an die „Eisenacher“, mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht, Mitvorbereitung des Gothaer Vereinigungsparteitags der SDAP mit dem ADAV von Lassalle 1875, Exil in London und enger Kontakt zu Friedrich Engels, Entwurf des Erfurter Programms 1891 (zusammen mit Karl Kautsky), Ende der 1890er Jahre Auslöser des Revisionismus-Streits in der SPD, deutliche Kritik von Rosa Luxemburg und von Karl Kautsky.
1899 legte er in seinem Buch „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ seine Ansichten dar. (etwas lang, aber interessant, etwas breiter Stil)
www.marxists.org/deutsch/referenz/bernstein/1899/voraus/index.html
1899 setzte Rosa Luxemburg ihre Streitschrift dagegen „Sozialreform oder Revolution?“
www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/
Auf Antrag von Kautsky lehnte der Dresdener SPD-Parteitag 1903 die Positionen Bernsteins ab, trotzdem gewann dieser immer mehr Anhänger.
Was oft nicht so bekannt ist, im erwähnten Buch plädiert Bernstein für Genossenschaften und betriebliche Mitbestimmung, fordert dazu gesetzliche Rahmenbedingungen, um soziale Gerechtigkeit zu stärken und letztlich – so sein Ansatz – einer Überwindung des Kapitalismus auf evolutionärem Wege näherzukommen.
Weitere wichtige Punkte in Bernsteins Biografie:
Während des Ersten Weltkrieges zählte Bernstein neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu den wenigen deutschen Politikern, die sich gegen den Krieg und den Völkermord an den Armeniern aussprachen, 1917 Mitbegründer der USPD, später wieder in der SPD, bekannte sich zur deutschen Kriegsschuld.
Weitere Punkte: Eintreten für eine Vergesellschaftung der Monopolkapitalbetriebe, für den politischen Massenstreik und andere außerparlamentarische Kampfmittel, etwa zur Durchsetzung eines fairen Wahlrechts in Preußen.
Es sei auf den Wikipedia-Eintrag zu Eduard Bernstein mit mehr Material verwiesen.
Ich kann und möchte nicht eine abschließende Wertung über Bernsteins Ansichten treffen. Eine ausführlichere Befassung mit ihm offenbart, dass er nicht so recht in eine Schublade passt, wie es vielfach getan wurde, insbesondere im früheren sowjetischen Machtbereich. Er trat mit dem Anspruch auf, eine politische Theorie müsse Kritik aushalten und ggf. auch korrigiert werden können. War nicht auch Marxens Motto „An allem ist zu zweifeln?“. Er sah Defizite in der Theorie und regte an, sich diesen zuzuwenden, ohne die Theorie als Ganzes zu verwerfen.
Eines scheint mir aus heutiger Sicht sicher: Die ehemals strenge, auch moralische Wertung, vielfach eher Abwertung: „Hier der Revisionist, dort die Revolutionärin oder der Revolutionär“ scheint mir unangebracht und überholt.
Zum einen hinterließen Marx und Engels kein fertiges Theoriengebäude, auch wenn das jahrzehntelang so suggeriert wurde und unter dem Etikett „Marxismus-Leninismus“ verkauft wurde, einer Konstruktion Stalins, die zur Rechtfertigungsideologie, ja zur Religion verkam und zur Absicherung der Herrschaft der Politbürokratie diente.
Zum anderen haben auch andere Marxisten (wie sie sich nach ihrem Selbstverständnis sahen) neben Bernstein wie z.B. Lenin, Luxemburg, Trotzki und Kautsky, um bei bekannten Zeitgenossen zu bleiben, wichtige Positionen von Marx und Engels mehr oder weniger stark verändert, angepasst, „weiterentwickelt“, kurz revidiert.
Somit ist die Frage berechtigt, ob nicht beide Revisionisten seien, Bernstein und Lenin.
Beide übertrieben es auf ihre Weise mit dem von Marx geerbten Geschichtsdeterminismus, und ihre Konzepte scheiterten. Die von Lenin und Nachfolgern geschaffene Gesellschaft führte nicht zum Sozialismus, sondern scheiterte mit schlimmen Hinterlassenschaften. Bernsteins Konzept des allmählichen Hinüberwachsens in den Sozialismus scheiterte dahingehend, dass die sozialdemokratischen Parteien, die im Wesentlichen seine Gedanken übernahmen, bisher auch nicht den Kapitalismus überwinden konnten und vielfach es auch gar nicht wollen. Seine Konzepte der betrieblichen Mitbestimmung und des Genossenschaftswesens wurden übernommen bzw. wurden erkämpft und haben nicht zu unterschätzende Erfolge bei der Verbesserung der sozialen Lage nicht nur der Arbeiter und der Demokratisierung der Gesellschaft gebracht.
Was sagt eigentlich eine Quelle aus DDR-Zeiten zu Eduard Bernstein?
Im BI Lexikon A bis Z in einem Band, Leipzig, 1982 ist zu lesen:
Bernstein 1. Eduard: 1850-1932, sozialdemokrat. Politiker; seit 1871 Mitgl. der Sozialdemokratie; wurde in den 90er Jahren zum theoret. Begr. des Revisionismus.
(Unter 2. ist der Komponist Leonard Bernstein aufgeführt).
Weiter lesen wir:
Revisionismus [<lat.]: antimarxist., mit dem Übergang des Kapitalismus zum Imperialismus entstandene internat. Strömung in der Arbeiterbewegung zur theoret. Begründung des Opportunismus u. Reformismus; „Stammvater“ des R. war E. Bernstein. Unter dem Vorwand der Revision „veralteter“ Thesen u. der Weiterentwicklung des Marxismus führt der R. zum Einfluss der bürgerl. Ideologie auf die Arbeiterklasse u. zur Preisgabe ihrer grundlegenden Interessen sowie ihrer histor. Mission.
Der Leserin oder dem Leser sei es überlassen, sich kritisch mit diesem Text auseinanderzusetzen. Hier darauf einzugehen wäre schon ein neues Kalenderblatt.
